Erfahrungen mit Integration in einer öffentlichen Schule aus Lehrerinnensicht
Gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung ist mein Herzensanliegen als Sonderpädagogin seit ich Lehrerin bin. Im Juni kam die Erinnerung an den Redaktionsschluss der Elise. (Vereinszeitung der Kooperative Freinet Österreich) Da nahm ich mir vor wieder einmal etwas über Inklusion zu schreiben. Ich wollte mit vielen Beispielen und Geschichten über Kais* erstes Schuljahr erzählen. Nachdem seine Eltern intensiv darum gekämpft haben, hat er es in unserer integrativen Mehrstufenklasse verbracht. In einer integrativen Mehrstufenklasse werden Kinder von der 1. bis zur 4. Schulstufe gemeinsam unterrichtet, darunter sind auch Kinder mit Sonderpädagogischem Förderbedarf.
Es war schön zu sehen, wie schnell er ein selbstverständlicher Teil der Klasse war. Wie die Kinder aufeinander zu gegangen sind, wie alle – Kinder und Erwachsene – versucht haben das zusammen Leben, Lernen, Spielen möglichst gut für alle zu gestalten. Dazu brauchte – und braucht es immer noch – viel Ausprobieren und wieder Verwerfen, Geduld, Toleranz, Kreativität beim Probleme lösen von allen Beteiligten.
Warum ist das erwähnenswert? Kai ist mit einem Chromosom zu viel auf die Welt gekommen. Er lebt mit dem Downsyndrom.
Das kann nicht lange gut gehen
Von anderen Lehrer:innen hörten wir immer wieder: „Das kann nicht lang gut gehen, das kann nicht funktionieren! Wieso tut ihr euch das an?“ Von Eltern außerhalb des Schulkontextes kam große Verwunderung. „Ich hab gar nicht gewusst, dass solche Kinder überhaupt in die Schule gehen!“
Ja, es ist anstrengend,
ja, es kostet viel Energie und Geduld.
Und ja, es ist eine Bereicherung.
Wir alle haben viel gelernt. Ich habe immer wieder meine Pläne und Ziele als Lehrerin über den Haufen geworfen – dieses Jahr hat wieder klar gemacht: du musst vom Kind ausgehen, das aufgreifen, was jetzt gerade da ist. Und das ist das Gegenteil von dem, wie das Schulsystem tickt, was von dir als Lehrerin erwartet wird, und du dann auch irgendwie von dir selbst erwartest. Kai ist nämlich ein Kind, das selten genau auf das einsteigt, was ihm angeboten wird. Und schon gar nicht genau zu der Zeit, wo ich Zeit für ihn hätte.
Warum hat es doch geklappt?
Es hat funktioniert (obwohl die Rahmenbedingungen, die vom System angeboten werden, komplett dagegen sprechen)
- weil alle, die mit unserer Klasse zu tun hatten, sich darauf eingelassen haben,
- weil wir als Lehrerinnen-Team gut zusammenarbeiten,
- weil wir viel Erfahrung mit Kindern auf sehr unterschiedlichen Entwicklungsniveaus haben,
- weil Ehrenamtliche mitgeholfen haben,
- weil die Eltern sehr unterstützend sind,
- weil die Kinder sich schon vor Kais Schuleintritt aus der Wohnsiedlung kannten,
- weil die Klasse ganz gut zusammengesetzt ist,
- weil Kai schon in einer integrativen Kindergartengruppe war,
- weil wir es durch viele Jahre Arbeit in der Mehrstufenklasse mit Integration gewohnt sind, dass fast immer ganz viel Unterschiedliches gleichzeitig auf vielen verschiedenen Niveaus passiert.
Es wäre so schön, wenn es selbstverständlich wäre, dass jedes Kind in jeder Schule willkommen ist. Es würde unserer Gesellschaft gut tun, wenn alle Kinder schon im Kindergarten und in der Volksschule die Erfahrungen machen könnten, die die Kinder unserer Klasse in diesem Jahr gemacht haben.
Was bedeutet Unterricht für die sehr unterschiedlichen Kinder der Klasse?
Wir sind eine Klasse, wir gehören zusammen, auch wenn Lernen und Unterricht für jede und jeden für uns ganz etwas anderes bedeutet –
für den einen ein Bilderbuch immer und immer wieder vorgelesen zu bekommen – für die andere einen Band Harry Potter selbständig zu lesen.
Für den einen eine Deutschschularbeit schreiben – für den anderen einen Stift überhaupt freiwillig in die Hand nehmen und am Ende des Schuljahres seinen Namen langsam sprechen und zu jedem Laut einen Strich ins Heft machen.
Für die eine den Unterschied zwischen unterstützen und jemandem alles abnehmen zu lernen – für den anderen zu akzeptieren, dass er seine Hausschuhe selbst anziehen muss.
Für den einen zu lernen, dass er nicht aus der Schule laufen und sich auf den Weg nach Hause machen darf, wenn er seinen Papa vermisst – für den anderen zu lernen, schnell einer Erwachsenen Bescheid zu sagen, wenn Kai sich anschickt loszulaufen.
Zum Abschluss des Schuljahres haben wir ein Theaterstück mit einigen Liedern einstudiert. Jedes Kind hatte eine Rolle und bekam dafür Wertschätzung und Unterstützung von den anderen. Bei der Aufführung hielten die Kinder zusammen, konnten gut zusammenarbeiten. Kai konnte alle Lieder mitsingen, Jakob sorgte dafür, dass er zur richtigen Zeit mit seinem Lieblingsinstrument, einer Spielzeug-Trompete, auf der Bühne war. Ein Mädchen fehlte bei der Aufführung, ein sehr schüchterner Bub überraschte uns damit, dass er seinen Text vollkommen selbständig, spontan und passend umdichtete. Ein anderer Bub, der vor vier Jahren, als er in unsere Klasse kam, sich kaum zu sprechen traute, sprach laut und deutlich auf der Bühne und übernahm die Führung in einigen Szenen.
Als ich mir als Lehrerin das Video von der Aufführung anschaute, wusste ich wieder einmal – es lohnt sich!!! Was wir reingesteckt haben, kommt vielfach zurück!
Die Rahmenbedingungen müssen besser werden!
Ich träume davon, dass es in jeder Schule Rahmenbedingungen gibt, die Inklusion möglich machen. Leider sind wir (zumindest für Wien kann ich das sicher sagen) davon meilenweit entfernt und entfernen uns immer weiter.
Die Klassen sind zu groß (was die Kinderanzahl betrifft), die Klassen sind zu klein (was den Raum betrifft), das Beurteilungssystem ist zu starr und zu segregierend, es bräuchte durchgehendes Teamteaching und Assistenz (die gibt es in Wien nämlich so gut wie nicht)…
Ein Bericht mit vielen Geschichten ist es nicht geworden – meine diesbezüglichen Schreib-Versuche waren nicht zufriedenstellend – diese Geschichten sind nur zu verstehen, wenn man die Kinder kennt, weiß was davor und danach kommt, da geht es um Beziehung, Emotion, viele Kleinigkeiten, die sich nicht in einen Artikel gießen lassen – also, wer einen Einblick bekommen möchte ist herzlich eingeladen zu uns in die Klasse zu kommen. Und zum Abschluss möchte ich noch großen Dank an meine Kolleginnen und Kollegen aussprechen – für ihr Einlassen auf dieses Abenteuer unter sehr schwierigen Rahmenbedingungen.
* alle Namen wurden geändert
veröffentlicht in der Vereinszeitung der Kooperative Freinet Österreich
Ausgabe 29, Herbst 2025
Zur Situation der inklusiven Bildung in Österreich hier ein Auszug aus dem Staatenbericht zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung:
Es können seit der letzten Staatenprüfung kaum Fortschritte bezüglich des Aufbaus eines inklusiven Bildungssystems verzeichnet werden. Im Gegenteil: Gerade in den letzten Jahren vermehren sich die Anzeichen für Rückschritte. Von Seiten der Bildungspolitik und -administration lassen sich nicht genügend systematische Anstrengungen verbuchen, die eine Transformation des dualen Systems (Sonderschule und Inklusion) vorantreiben. Inklusive Bildung ist einerseits strukturell chronisch unterfinanziert – und andererseits müssen neue Maßnahmen kostenneutral sein. Zudem zeigt sich eine ausgeprägte Gleichgültigkeit und Passivität bezüglich der Verpflichtungen zur Umsetzung der Ziele von Artikel 24. Wie gezeigt wurde, müssen die notwendigen Änderungen in Gesetz und schulischer Praxis von Betroffenen erst eingeklagt oder über Bürgerinitiativen bemängelt werden, damit die Bildungsadministration darauf reagiert. Die UN-Konvention verlangt aber eine proaktive Haltung, d.h. die entsprechenden Änderungen sollten vom Staat und seinen Organisationen selbst vorangetrieben werden.
Sonderbericht Art. 24 – Bildung Anlässlich der 2. Staatenprüfung der Republik Österreich durch den UN-Fachausschuss Unabhängiger Monitoringausschuss der Republik Österreich – UMA: S.12
https://www.monitoringausschuss.at/wp-content/uploads/2023/06/Sonderbericht-Bildung.V2023-07-18.pdf Zugriff: 11.8.2025