Am 29. Juni 2026 haben wir gemeinsam mit Integration Wien, Lobby4Kids und vielen Wiener Elternvereinen diesen Offenen Brief an Stadträtin Bettina Emmerling geschickt. Grund ist die massive Versorgungslücke in der Ferienbetreuung für Kinder mit Behinderung und Mängel im bestehenden Angebot.
Hier der Offene Brief als PDF.https://www.bessereschule.jetzt/wp-content/uploads/2026/06/Offener-Brief-Stadtraetin-Emmerling-Ferienbetreuung-Kinder-mit-Behinderung.pdf
Integration Wien hat einen ergänzenden Brief verfasst, den ihr hier nachlesen könnt.
An:
Frau Vizebürgermeisterin und Stadträtin Bettina Emmerling
Lichtenfelsgasse 2, Stiege 4, 2. Stock, Tür 451
1010 Wien
Wien, 29. Juni 2026
Betreff: Mängel bei der Ferienbetreuung für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf
Sehr geehrte Frau Stadträtin Emmerling,
Wien spricht zu Recht viel über Inklusion – doch ausgerechnet in der Ferienbetreuung zeigt sich, wie rasch dieses Versprechen für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf endet. Wenn Betreuungsplätze sofort verschwinden, Familien ohne Alternative zurückbleiben und Kinder mit Behinderungen vom eigenen Campusstandort ausgeschlossen werden, ist das kein Einzelfall, sondern eine strukturelle Benachteiligung, die politisch nicht länger übersehen werden darf.
Kinder mit erhöhtem Förderbedarf werden in der Wiener Ferienbetreuung strukturell benachteiligt. Diese Situation steht in direktem Widerspruch zur UN-Behindertenrechtskonvention, zu den eigenen Zielsetzungen der Stadt Wien und zum Gleichheitsgrundsatz. Wir als Eltern-Pädagog:innen-Initiative fordern gemeinsam mit Elternvereinen der Stadt Wien eine Behebung dieser Mängel.
Strukturelle Versorgungslücke für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen
Das Ferienbetreuungsangebot der Stadt Wien ist für zahlreiche Familien eine wertvolle Unterstützung, um ihre Erwerbstätigkeit mit der Betreuung ihrer Kinder zu vereinbaren. Für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf existiert jedoch nach wie vor kein flächendeckendes und oft kein passendes Angebot. Viele Eltern stehen ohne Betreuungsplatz da und sehen sich gezwungen, in kürzester Zeit improvisierte Lösungen zu finden – bis hin zur Aufgabe ihres Arbeitsplatzes, was insbesondere alleinerziehende Mütter in existenzielle Schwierigkeiten bringt.
Das Summer City Camp der Stadt Wien stellt zwar einzelne Betreuungsplätze für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf zur Verfügung – die Kapazitäten sind jedoch so gering, dass sie den tatsächlichen Bedarf bei weitem nicht abdecken. Plätze sind erfahrungsgemäß innerhalb kürzester Zeit vergeben. Eltern berichten, dass eine Buchung faktisch nicht möglich ist: Bereits am ersten Buchungstag, unmittelbar nach Öffnung des Systems am frühen Morgen, sind alle Plätze ausgebucht. Wer in diesem Moment nicht online ist, hat keine Chance – unabhängig vom tatsächlichen Betreuungsbedarf des Kindes. Ein solches Verfahren ist weder transparent noch bedarfsgerecht und kann nicht als ernsthaftes Inklusionsangebot gewertet werden.
Dass dies kein Einzelproblem ist, wird auch durch Rückmeldungen betroffener Familien und durch bereits vorliegende Erhebungen deutlich. Besonders betroffen sind Alleinerziehende sowie Eltern von Kindern mit Behinderung. Zusätzliche Ferienbetreuung außerhalb öffentlicher Angebote ist für viele Familien schlicht nicht leistbar.
Dass die Versorgungslücke real und strukturell ist, belegen zudem Daten aus Ihrem eigenen Ressort. Die Stadt räumt selbst ein, dass valide Zahlen zum tatsächlichen Gesamtbedarf fehlen. Was nicht erhoben wird, kann nicht behoben werden. Gleichzeitig wird die Versorgungslücke mittlerweile auch im Rahmen überregionaler Erhebungen systematisch sichtbar gemacht, was zeigt, dass das Problem längst auf bundesweiter Ebene anerkannt ist.
Ungleichbehandlung an Campusstandorten
An einigen Wiener Campusstandorten, die als Vorzeigemodelle für gelebte Inklusion gelten, zeigt sich diese Schieflage besonders deutlich. Am Christine-Nöstlinger-Campus mit Schwerpunkt Autismus beispielsweise besuchen Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam die Schule; die Pädagog:innen leisten dort Außerordentliches. Dennoch gilt: Während Kinder ohne erhöhten Förderbedarf die Garantie haben, an ihrem Standort in den Ferien betreut zu werden, sind Kinder mit erhöhtem Förderbedarf von diesem Angebot ausgeschlossen. Grundlage dafür sind die Allgemeinen Geschäfts- und Betreuungsrichtlinien, die in ihrer aktuellen Form diskriminierend wirken. Die Begründung von Bildung im Mittelpunkt, dies geschehe aus „Fairness“ gegenüber anderen Kindern mit Förderbedarf und weil es für Kinder im Autismusspektrum „wertvoll“ sei, neue Umgebungen kennenzulernen, ignoriert die fachliche Realität und ist aus Elternsicht zynisch. Fachliche Erkenntnisse zeigen vielmehr, dass gerade Kinder mit starkem Unterstützungsbedarf auf stabile räumliche und zeitliche Routinen angewiesen sind und kurzfristige Umgebungswechsel eine erhebliche Belastung darstellen können.
Passen die Rahmenbedingungen nicht, wird die Schuld den Kindern zugeschoben
Aus anderen Standorten erreichen uns Berichte von Kindern, die im Schul- und Nachmittagsalltag gut integriert sind, in der Ferienbetreuung jedoch nach kurzer Zeit wieder nach Hause geschickt werden und anschließend von der Teilnahme ausgeschlossen bleiben. Dies betrifft besonders, aber nicht nur, die kurzen Ferien. Offiziell wird dies mit „schwierigem“ oder „nicht akzeptablem Verhalten“ begründet. Tatsächlich sind es häufig unzureichende Rahmenbedingungen – fehlendes oder unzureichend geschultes Personal, zu große Gruppen und mangelnde Unterstützungssysteme –, die dazu führen, dass die Verantwortung letztlich auf den Schultern der Kinder und ihrer Eltern abgeladen wird. Wir wissen von Familien, wo das so weit gegangen ist, dass nach nur wenigen Stunden im Feriencamp nicht einmal der Betreuungsbetrag zurückerstattet wurde, weil die Schuld vollständig dem Kind zugeschrieben wurde. Die Kommunikation mit der zuständigen Stelle wurde von den betroffenen Familien als äußerst belastend beschrieben.
Dass solche Ausschlüsse kein Randphänomen sind, zeigt auch die Praxis in städtischen Einrichtungen, in der Einschränkungen von Betreuungszeiten und faktische Ausschlüsse immer wieder als Folge unzureichender Rahmenbedingungen erlebt werden.
Das Angebot passt nicht mit dem Versprechen auf Hochglanz-Broschüren zusammen
Gleichzeitig präsentiert sich die Stadt Wien mit Programmen und Publikationen zum inklusiven Wien wie „Inklusives JA 2024/2025″ und der Agenda „Inklusives Wien 2030″ als Vorreiterin der Inklusion. Dort wird festgehalten, dass Kinder und Jugendliche mit Behinderung dieselben Möglichkeiten für Kindergarten und Schule haben wie alle anderen Kinder in Wien. Während wir diese Zielsetzungen ausdrücklich begrüßen, zeigt die Praxis, dass diese Ansprüche derzeit nicht eingelöst werden. Die geschilderten Fälle sind keine Einzelfälle, sondern symptomatisch für eine strukturelle Lücke im Bereich der Ferienbetreuung für Kinder mit Behinderungen.
Diese Lücke ist auch auf völkerrechtlicher Ebene dokumentiert: Der UN-Fachausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen hat Österreich ausdrücklich aufgefordert, die Zugänglichkeit außerschulischer pädagogischer Betreuung auch für Kinder mit Behinderungen sicherzustellen. Österreich hat die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert – sie ist völkerrechtlich bindend.
Inklusive Ferienbetreuung verbindlich absichern
Wir, als Elternvereine und Eltern-Pädagog:innen-Initiative, setzen uns für eine nachhaltige Verbesserung der Ferienbetreuung für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf ein und wenden uns mit der dringenden Bitte an Sie, diese Situation zur politischen Priorität zu machen. Für viele Familien ist es bereits jetzt zu spät: Zahlreiche obsorgeberechtigte Personen haben keinen Betreuungsplatz erhalten und müssen nun mit enormem persönlichem und finanziellem Aufwand Ersatzlösungen organisieren.
Wir Eltern sind es leid, die notwendigen Leistungen für unsere Kinder immer wieder mühsam einzeln einfordern zu müssen. Inklusion ist kein Luxus, sondern ein Grundrecht. Damit dieses Grundrecht auch in der Ferienbetreuung verwirklicht wird, fordern wir:
- Ein ausreichendes Platzangebot in Wien, damit alle Kinder mit erhöhtem Förderbedarf ein adäquates Ferienbetreuungsangebot in Anspruch nehmen können.
- Eine qualitativ hochwertige Betreuung durch ausgebildetes bzw. spezifisch geschultes Personal und durch einen angemessenen Betreuungsschlüssel, der den Bedürfnissen dieser Kinder gerecht wird.
- Die Gleichbehandlung von Kindern mit und ohne erhöhten Förderbedarf an Campusstandorten: Alle Kinder einer Schule sollen dieselben Anmeldemodalitäten haben und die Möglichkeit erhalten, am eigenen Standort Ferienbetreuung zu nutzen – gegebenenfalls in Kleingruppen, die ihren Bedarfen entsprechen.
- Eine verbindliche Beschwerdemöglichkeit für betroffene Familien sowie ein transparentes Monitoring darüber, wie viele Kinder mit erhöhtem Förderbedarf Ferienbetreuungsplätze erhalten und wie viele abgewiesen oder ausgeschlossen werden.
Die fehlende Ferienbetreuung für Kinder mit Behinderungen trifft Frauen strukturell härter als Männer. In der Praxis sind es überwiegend Mütter, die ihre Erwerbstätigkeit reduzieren oder gänzlich aufgeben, wenn keine geeignete Betreuung zur Verfügung steht. Was auf den ersten Blick wie eine individuelle Entscheidung wirkt, ist in Wahrheit das Ergebnis fehlender struktureller Alternativen. Betreuungspflichten drängen Frauen nach wie vor deutlich häufiger aus dem Erwerbsleben als Männer. Die Folgen sind langfristig: weniger Einkommen, geringere Pensionsansprüche und ein erhöhtes Armutsrisiko im Alter. Besonders exponiert sind Alleinerziehende, die ein besonders hohes Armutsrisiko tragen. Die strukturelle Versorgungslücke in der Ferienbetreuung ist damit nicht nur ein bildungs- und inklusionspolitisches Problem – sie ist auch ein frauen- und armutspolitisches. Wer Inklusion ernst nimmt, muss diese Wechselwirkung mitdenken.
Wir ersuchen Sie nachdrücklich, die bestehenden Regelungen zu überprüfen, strukturelle Barrieren abzubauen und gemeinsam mit Eltern, Pädagog:innen und Expert:innen tragfähige, inklusive Lösungen für die Ferienbetreuung in Wien zu entwickeln. Nur so kann die Stadt Wien den eigenen Anspruch an Inklusion glaubwürdig einlösen und allen Kindern die gleichen Chancen auf Bildung, Betreuung und Teilhabe bieten.
Für ein Gespräch sind wir gerne bereit.
Mit freundlichen Grüßen,
- Initiative Bessere Schule JETZT! – https://bessereschule.jetzt
- Verein Integration Wien – https://integrationwien.at/
- Landeselternverband Wien – https://www.levw.at/
- Netzwerk Lobby4Kids – https://lobby4kids.at
- Elternverein Campus Christine Nöstlinger (1020 Wien)
- Elternverein GTVS Phorusgasse (1040 Wien)
- Elternverein OVS/GTVS Friedrichsplatz/Lerngemeinschaft 15 (1150 Wien)
- Elternverein OVS Zennerstraße (1140 Wien)
- OVS Zennerstraße (1140 Wien)
- Elternverein Bildungscampus Aron-Menczer (1030 Wien)
- Elternverein Hans-Radl-Schule (1180 Wien)
- Elternverein Integrative Lernwerkstatt Brigittenau (1200 Wien)
- Elternverein der Praxis Volksschule Wien (1100 Wien)
- Elternverein VS Lortzinggasse (1140 Wien)
- Elternverein GTVS 3 (1030 Wien)
- Elternverein GTVS Darwingasse (1020 Wien)
- Elternverein MS Sonnenallee (1220 Wien)
- Elternverein VS Gassergasse (1050 Wien)
- Elternverein MS Mittelgasse (1060 Wien)
- Elternverein Campus Gertrude Fröhlich-Sandner (1020 Wien)
- Elternverein GTVS Alte Donau (1220 Wien)
- Elternverein OVS Rodaun (1230 Wien)